Vokabeln und Mathe im Wohnwagen
Schaustellerkinder werden auf der Reise von einem "Schultagebuch"
begleitet
Schaustellerkind müsste man sein. Karussell fahren so lange man will und sich an
Lebkuchenherzen, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte satt essen. So stellt man sich das
vor. Und so ist es auch. Ein bisschen.
Zugleich werden Schausteller noch zu oft als Umherreisende ohne festes Zuhause und mit
mangelnder Schulbildung angesehen. Ein älterer Schausteller erzählt, dass der
Schulbesuch seines Vaters nach nur vier Schuljahren endete. Das reichte, so glaubte man
Ende der 20er Jahre in vielen Familien, für den Beruf des Schaustellers aus.
Heutzutage ist die Schulpflicht der Schaustellerkinder über eine Stammschule am
gemeldeten Wohnsitz geregelt. Während der Saison besuchen die Schaustellerkinder
Stützpunktschulen in der Regel die Schulen, die dem jeweiligen Rummelplatz am
nächsten liegen. Ein Schultagebuch liefert den wichtigen
Informationsaustausch zwischen Stammschule, Stützpunktschulen und mobilen
Bereichslehrkräften. Es dokumentiert die Lernfortschritte und enthält Hinweise für
Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte. Auch die Noten der Klassenarbeiten sind hierin
vermerkt.
Melody (6 Jahre), Maria (7) und Alex Kleuser (10) besuchen die Ludgeri- Grundschule in
Leer und fühlen sich dort sehr gut aufgenommen. Bei jüngeren Kindern ist es sehr
wichtig, dass sich auch deren Eltern intensiv um die schulische Betreuung kümmern, damit
das Unterrichtsmaterial immer vorhanden ist und die Hausaufgaben gemacht werden,
sagt Waltraud Giere, Rektorin der Ludgeri- Schule. Von unserer Schulen wird auch
zusätzlicher Förderunterricht angeboten, um Lernrückstände aufzuarbeiten, die zum
Beispiel durch Reisetage entstehen können. Aufgrund der gesamten äußeren Bedingungen,
die das Schaustellerleben mit sich bringt, müssen sich Schaustellerkinder aus meiner
Sicht deutlich mehr als ihre Mitschüler für die schulischen Aufgaben engagieren; aber
wenn sie dies mit der zuvor beschriebenen Unterstützung tun, können sie gleichermaßen
gute Schulabschlüsse erreichen.
Der zwölfjährige Andreas Ambrosch-Langenscheidt (6. Klasse Realschule) erlebt bis zu
zehn Schulwechsel pro Jahr. Immer wieder muss er sich neu auf Städte, andere Schulen,
Lehrkräfte und Lehrpläne einlassen. Er muss immer wieder aufs Neue den Klassenanschluss
finden, aber auch den Kontakt zu seinen Freunden auf den Rummelplätzen beibehalten. Doch
Andreas ist nichts anderes gewohnt und ist Profi in Sachen Anpassung und Neuorientierung
geworden. In der Schule bin ich mittelprächtig, aber ich bin handwerklich geschickt
und kann anpacken. Schüchtern bin ich nicht! Wäre auch nicht so gut, sagt Andreas,
sonst bleibt man allein und das ist langweilig. Ich habe überall meine
Freunde. Er sucht sich seine Wege und kommt mit seinem Charme fast
überall durch.
Madlyn Kanzler (15) gehört zu einer Schaustellerfamilie in der vierten Generation und
erzählt: Nach der vierten Klasse in der Grundschule mit einem Notendurchschnitt von
1,6 hatte ich die Schulempfehlung für das Gymnasium. Mein Opa Rolf hat aber damals wegen
der ständigen Unregelmäßigkeiten im Schaustellerleben vor dem sofortigen Besuch des
Gymnasiums etwas ,gebremst. Jetzt bin ich in der zehnten Klasse auf der Realschule
in Aurich und immer noch eine ganz passable Schülerin. Neben Englisch und Französisch
kann ich mir Spanisch oder Niederländisch als dritte Fremdsprache gut vorstellen und ich
werde mein Abitur machen. An Wochenenden habe ich im elterlichen Imbiss auf Volksfesten
mitgeholfen und immer, wenn Zeit war, auch Vokabeln und Mathe im Wohnwagen gepaukt.
Vorteil war, dass ich immer die Stammschule besuchen konnte. Außerdem bin ich engagiert
und ehrgeizig. Klar, werde ich innerhalb der Klasse auch auf die Vorteile der
Schaustellerkinder angesprochen. Doch die Welt, der Schulalltag und das Schaustellerleben
bestehen nicht nur aus Vergnügen und Abfahren mit Freikarten. Wichtig ist für mich, dass
ich Freunde bei den Schaustellern und auch auf meiner Schule habe. Einmal im Jahr lade ich
meine Schulkameraden zum Kakaotrinken auf den Weihnachtsmarkt in den Ausschankbetrieb
meiner Oma Berta ein.
Der Arbeitsplatz von Claudia Dreher-Vespermann ist ein kleines Kassenhäuschen, gerade mal
ein Quadratmeter groß. Hier sitzt sie bei jedem Wetter, schaut aus dem Fenster des
kleinen Kassenhäuschens auf das bunte und lautstarke Geschehen des Gallimarktes.
Das ist mein Leben. Ich bin glücklich, sagt die Schaustellerin in siebter
Generation, verheiratet, zwei Söhne und mit ihrem Fahrgeschäft Break-Dancer
auf dem Gallimarkt. Auf eine gute Schulausbildung hat unsere Mutter sehr viel Wert
gelegt, erzählt sie. Das war von Erfolg gekrönt: Claudia Dreher-Vespermann hat ihr
Abitur mit der Note 2,1 bestanden, ihr Bruder gar mit 1,4. Die anschließende Banklehre
beendete er mit 1,2. Nun ist er auch Schausteller. Wir haben beide ein eigenes
Fahrgeschäft, erzählt die 35-Jährige.
Fragt man Andreas und Madlyn, welchen Beruf sie nach dem Schulabschluss anstreben, ist die
Antwort klar: Wir werden Schausteller und übernehmen den elterlichen oder
großelterlichen Betrieb und haben dann unsere eigenen Fahrgeschäfte und Verkaufsstände
und machen uns selbstständig.
Text-/Bildrechte: Jansen, Verein reisender Schausteller Ostfriesland
e.V und ZGO/Veröffentlichung Sonderbeilage Gallimarkt 2009